Der Weg zum Herzen
Europäisches Treffen von B.O.T.A. El Escorial, 29. April bis 2. Mai 2022
Der Weg zum Herzen
Das Thema dieses Treffens ist der Weg zum Herzen. In diesen Tagen haben sich die Arbeitsgruppen intensiv mit den verschiedenen Aspekten befasst, insbesondere den Begriffen „Weg“ und „Herz“. Befassen wir uns zuerst mit dem Begriff des Weges.
Welche Wege gibt es?
Der Weg des Wissens
Es gibt den Weg des Wissens. Dieser Weg ist nicht auf theoretische Gelehrsamkeit und Anhäufung von Einzelwissen gerichtet. Das Leben eines Suchenden ist auf "die Entdeckung der Wirklichkeit und die Anpassung des menschlichen Lebens an diese Wirklichkeit" ausgerichtet. Es geht darum „zu wissen, was wirklich ist, und sein Leben zu einem täglichen Ausdruck dieses Wissens zu machen " (Paul Foster Case, The True and Invisible Rosicrucian Order, S. 141). Es ist "ein Streben nach dem inneren Licht des uns innewohnenden Höheren Selbst" (ibidem S. 152). Dieser Auffassung liegt die tiefe Überzeugung zugrunde, dass der Mensch fähig ist, zu einem höheren Bewusstsein zu erwachen und mit "den Arcana der himmlischen Weisheit", die nicht jenseits der Grenzen menschlichen Wissens ist, erleuchtet zu werden (ibidem S. 148). Es ist das Wissen um das Höhere Selbst.
Es ist ein Weg der Weisheit, der uns wegführt vom Nichtwissen, das uns an Illusionen bindet. Das Nichtwissen lässt uns an Dingen festhalten, die wir mit Nachdruck verlangen. Wenn sie aber erlangt haben, erscheinen sie uns hohl und nichtig.
In diese ersehnte Weisheit können wir nur langsam hinein reifen. Zuerst glauben wir, ohne die Fesseln, die uns umgeben, nicht leben zu können. Nach und nach begreifen wir, dass wir die Ketten nur abstreifen müssen. Denn wir sind es, die an ihnen festhalten.
Auf diesem Weg führt uns etwas, was man die Klärung unseres Denkens nennen kann. Dazu gehört, dass wir uns nicht von allem, was auf uns einstürmt terrorisieren lassen, sondern Herr im eigenen Hause des Denkens werden. Ein guter Führer sind die Schriften der Weisheit. Sie helfen uns, weil andere den Weg gebahnt haben. Zum Beispiel lernen wir im Curriculum von B.O.T.A. Vieles über den Tarot und den Lebensbaum. Die intensive Beschäftigung damit lehrt uns innere Zusammenhänge, von denen wir nichts wussten. Mit Dr.
Faustus können wir sagen: dass ich ergründe, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Im indischen Epos Mahabharata heißt es: „Wer nicht erkennt, sondern nur vieles gehört hat, kann den Sinn der Schriften nicht verstehen, so wie ein Löffel nichts vom Geschmack der Suppe weiß.“ Das Denken kann ein Führer sein, ein Mercurius oder Hermes, der uns zu einer Erkenntnis oder einer Einsicht führt. Diese Einsicht mag uns wie ein Blitzschlag durchfahren und dabei überkommene Vorstellungen wie in einem Erdrutsch verschwinden lassen. Sie bringt uns ein neues Verstehen.
Die Überzeugung unserer Lehrer ist es, dass Wissen und Verstehen stets in uns vorhanden sind. Sie brauchen nicht erworben zu werden, sondern wir müssen sie nur ins Bewusstsein rücken. Jede Erkenntnis ist Wiedererinnerung. Sie schlummert in unserer Seele. Wir müssen lernen, wie wir den Zugriff zu diesen Schätzen erhalten.
Der Pfad der Werke
Der Pfad der Werke strebt danach, jegliche menschliche Aktivität an den göttlichen Willen hinzugeben. Er beginnt mit der Absage an alle nur egoistischen Zwecke unserer Werke, mit der Absage an alle Handlungen, die nur aus Eigen-Interesse oder um eines weltlichen Resultates willen erfolgen.
Dazu gibt es drei grundlegende Zugänge: Der erste ist die Gelassenheit. Gleichmut, innere Ruhe und Gemütsruhe sollten in uns Unruhe, Aufgeregtheit, Nervosität und Stress ersetzen. Der emotionale Aspekt gibt ihr die magische Fähigkeit, den Sturm der Gefühle zu besänftigen. Doch müssen wir aktiv mitwirken. Wir müssen lernen, welche Situationen uns besonders in Rage bringen. Folgerungen aus dieser Selbsterkenntnis zu ziehen, wirkt Wunder. Es ist wertvoll, bei solchen Stürmen einen Schritt zurückzutreten und die Gegebenheiten unvoreingenommen zu betrachten. Immer hilfreich ist es, sich in die Position der anderen um uns zu versetzen und zu lernen, warum sie so handeln, wie sie es tun. Da so viele Energien auf uns einströmen, hilft es manchmal, sich einer schwierigen Lage oder einer gereizten Atmosphäre zu entziehen, einen Spaziergang zu machen und von der Natur zu lernen. Was oft am schwersten fällt, ist loszulassen. Wir erwischen uns, dass wir bisweilen in
endlosen Schleifen, das Unrecht, was uns geschehen ist, perpetuieren. Lassen wir die Dinge einfach einmal gut sein.
Wir lernen viel von Schlüssel 14. Schlüssel 14 wird auch die Intelligenz der Bewährung genannt, oder der Prüfung und des Versuchs, der Versuchung und des Experiments. Er bedeutet Verifizierung. Wir versuchen etwas zu prüfen, ob es den Test der Zeit bestehen kann. Durch Verifizierung stellen wir die Wahrheit dessen fest, was uns gelehrt wird. Diese Einsicht gibt uns Stabilität, Festigkeit und Fundament.
Der Engel arbeitet an unserer niederen Natur, die durch den Löwen symbolisiert wird. Der Löwe ist ein feuriges Wesen, und er steht für die Impulse und Triebe der niederen Natur. Das Feuer des Löwen wird gemäßigt, wenn der Engel Wasser darauf gießt. Dies ist als Läuterung gemeint. Der Löwe steht auch für das Gesetz der Suggestion. Unsere treibende Kraft muss selbstlos und uneigennützig werden. Wir müssen uns Klarheit über unsere Willensimpulse verschaffen. Der Engel lehrt uns, unüberlegte, impulsive, leidenschaftliche Handlungen, wie Rache, Hass und Wut, zu vermeiden und unsere Selbstbeherrschung zu bewahren.
Die Vase hat die Farbe Orange, die auf die Sphäre Hod anspielt, die achte Sphäre auf dem Lebensbaum, von der man sagt, dass sie den Intellekt im Menschen darstellt. Wir lernen, die Barriere der Vernunft gegen die Leidenschaften aufzubauen. Wenn unser Denken gereinigt und von geistigen Impulsen geleitet ist, beruhigen wir die aufgewühlte See. Leidenschaft muss in Mitgefühl verwandelt werden. Zorn muss in Eifer und Entschlossenheit verwandelt werden. Das Wasser der Gedanken, das in der Urne des Engels geformt wird, wird die niedere Natur in einen Diener des Großen Werkes verwandeln. Um die Tests und Prüfungen zu bestehen, müssen wir die Kraft eines intensiven und anhaltenden Strebens haben. Wir haben sie durch das Gleichgewicht zwischen Gedanken und Gefühlen erworben, so dass wir enthusiastisch, aber gleichzeitig rational und vernünftig sein können.
In seiner linken Hand hält der Engel eine Fackel mit fünf Flammen, die auf den Adler niedergehen. In unserer Tradition stellt der Adler eine höhere Ebene des Skorpions dar, die dem Schlüssel 13 zugeordnet ist. Das Feuer, das auf den Adler niedergeht, bedeutet Weihe oder Hingabe der Adlerkraft an die Entfaltung des Göttlichen in der menschlichen Natur. Das Feuer der Fackel konfrontiert uns mit den unerlösten Anteilen unserer unterbewussten Natur. Sie müssen ins Gleichgewicht gebracht werden, damit sie sich von Leidenschaft in Mitgefühl, in Liebe und Mitleid verwandeln. Das Feuer ist ein Läuterungsfeuer, das die Schlacken der überholten Formen beseitigt. Die Flammen verbrennen die Trägheit und alles, was uns in den niederen Tiefen des Alltagslebens festhält, wenn wir uns nach höherer Verwirklichung, Leben, Licht und Liebe sehnen. Das
Feuer der höheren Verwirklichung reinigt die Schlacke, so dass der Adler aufsteigen kann zur Regeneration, die uns bewusst mit dem Höheren Selbst im Herzen vereinigt.
Ein weiterer Zugang zum Pfad der Werke ist der Verzicht auf alles Verlangen nach der Frucht unseres Wirkens. In der Bhagavadgita (II.48) etwa
lehrt Krishna, für Hindus der menschgewordene Gott: „Gib die Anhänglichkeit auf, o Arjuna, und vollbringe, im Yoga gefestigt, deine Werke. Sei gleichmütig gegen Erfolg und Misserfolg.“ Im 3. Gesang heißt es weiter: “Für den Besinnlichen gibt es den Pfad der Erkenntnis, für den Tätigen den Weg der selbstlosen Tat. Niemand wird vollkommen dadurch, dass er der Arbeit entsagt.
Niemand kann dem Tun entsagen, jeden zwingen dazu unausweichlich
die Gunas. Deshalb musst du jede Tat vollziehen als eine Darbringung an Gott und frei sein von aller Bindung an die Ergebnisse.“
Der dritte Zugang zum Pfad der Werke besteht darin, jedes Handeln als Opfer dem Herrn des Universums und der gesamten Natur darzubringen. Wir können dies vom Schlüssel 21, die Welt oder das Universum, lernen. Der Aufstieg auf dem Lebensbaum startet in Malchuth mit dem Pfad des Schlüssels 21. Er ist der erste Schritt auf unserem Weg des Lichts. Dagegen führt der Pfad beim Abstieg zur Vollendung des Großen Werkes, zum kosmischen Bewusstsein, zur vollen und vollkommenen Verwirklichung des Steins der Weisen oder des göttlichen Willens, und stellt den letzten Schritt dar. Unsere Gedanken, Worte und Handlungen sind Teil der Verwaltung des kosmischen Gesetzes. Mit ihnen bauen wir die Zukunft. Paul Foster Case sagt (True and Invisible Rosicrucian Order, zum 32. Pfad): "Die Vorstellungskraft entwickelt eine Lebensphilosophie und hilft uns, Mittel zu erfinden, mit denen wir unsere Beziehung zum Ganzen besser zum Ausdruck bringen können." Es ist ein Pfad des Dienens, auf dem wir ergeben dem göttlichen Willen folgen.
Der Pfad der Liebe
Der Weg der liebenden Hingabe an die Gottheit nutzt Gefühle als einen Weg, Gott nahezukommen oder sich mit ihm oder ihr zu vereinen.
Der Ausgangspunkt unserer Arbeit ist die Idee, dass alles aus dem EINEN kommt. Auf unsere Empfindung oder Erfahrung oder Erkenntnis, mit allen und mit allem eins zu sein, folgt als emotionaler Nachhall (HOD) in uns, die tiefe Liebe zu diesem Zentrum des Lebens und der Ordnung, die es begründet, sowie zu allen Lebewesen.
Das Hinaussenden von Liebe öffnet Türen. Je mehr Ausdrucksformen der Liebe dem kollektiven Bewusstsein eingeprägt werden, umso intensiver wird der Einfluss der Liebe. Sie ruft die Liebe in den menschlichen Herzen hervor, entfacht den Funken zu einer Flamme und die Flamme zu einer Feuersbrunst, die all den Hass, die Ängste und alten Irrtümer auf den unteren Ebenen der Menschheit verzehrt. So wird sich die Blume der Liebe für alle entfalten. Diese Liebe ist für die Verwirklichung der Ziele des Neuen Zeitalters der Bruderschaft der Menschen unerlässlich.
Liebe gibt Enthusiasmus und damit Ausdauer und Beständigkeit. Sie gibt uns die Energie durchzuhalten, und zwar hindurch durch alle Schwierigkeiten und Prüfungen.
Das Herz als Ziel des Weges
Was ist das Ziel unseres Weges? Alle Wege führen zum Herzen. Das Herz ist hier ein symbolischer Begriff. Gemeint ist nicht das physische Herz, das den Organismus mit Blut versorgt. Gemeint ist ein Zentrum in uns, das der Sonne verglichen wird. „Herz“ ist einer der Namen für das Höhere Selbst, das gleichsam eine zentrale Gegenwart im menschlichen Herzen ist. Das Höhere Selbst ist der unsichtbare, unberührbare Lebensspender, der das Dasein aller Lebewesen unterhält und auch unsere Persönlichkeit hervorbringt. Es ist zeitlos und raumlos Es ist das, was unsere Identität schafft, die wir durch alle Veränderungen des Körpers, der Gedanken und der Gefühle, durch Wachsein und Traum und Schlaf bewahren. Auf dem Lebensbaum ist es dargestellt durch die sechste Sephirah, genannt Tiphereth, Schönheit. Diese Sephirah ist der Sonne zugeordnet. Sie steht in der Mitte des Lebensbaumes.
Der Vergleich des Höheren Selbst mit der Sonne wird in Schlüssel 14 durch viele Einzelheiten verdeutlicht. Der Engel, es ist der Erzengel Michael, der Erzengel des Südens und des Feuers, ist ein Bote der Sonne. Er kommt gleichsam aus der Sonne, um uns zu ihr zu bringen. In unserer gesamten Suche folgen wir nur dem Ruf des Engels und antworten durch unsere Sehnsucht und unsere Liebe. Die Anordnung der Farben des Regenbogens zeigt, dass es nicht der Regenbogen ist, wie wir ihn auf den Regenwolken sehen. In diesem Fall steht die Sonne hinter dem Regenbogen, sie scheint durch ihn hindurch und erzeugt so die Spektralfarben. Die sieben Farben stehen unter anderem für die sieben inneren heiligen Planeten oder Organe der inneren Wahrnehmung. Ihre Entfaltung muss in geordneter und ausgeglichener Weise erfolgen, um zu echter Seherschaft zu führen. Der Regenbogen spielt auch auf die Vision in Hesekiel 1 an. In Vers 28 heißt es: "Wie das Aussehen des Bogens, der in der Wolke am Tag des Regens ist, so war das Aussehen des Glanzes um Ihn herum. Dies war das Aussehen des Gleichnisses der Herrlichkeit des Herrn."
Sieben Tugenden müssen die sieben Laster reinigen und weihen, damit das Licht der Sonne durchscheinen kann.
Die Sonnenscheibe auf der Stirn des Engels zeigt das erweckte höhere Bewusstsein. Es ermöglicht uns, den Einfluss der höheren Sephiroth über Tiphareth zu empfangen. Wir erhalten Inspirationen, die wie ein Leuchtfeuer wirken, solange wir noch in der Dunkelheit unterwegs sind.
Der Engel hat einen siebenzackigen Stern auf seiner Brust. Siebeneck und Siebenstern könne nicht mit Zirkel und Lineal konstruiert werden. Es bedarf der Geschicklichkeit und des Verständnisses des Menschen, um es zustande zu bringen. Es steht für die Fähigkeit, unser Leben in Gedanken, Gefühlen und Handlungen zu lenken. Das ist die Voraussetzung dafür, den Pfad des Schlüssels 14 zu betreten. Uns werden die Unvollkommenheiten unserer niederen Natur während der feurigen Prüfungen auf diesem Weg offenbart. Wir müssen uns fest auf das Höhere Selbst und seine Kontrolle und uns nicht vom Glanz der dunklen Mächte und ihren Verlockungen verführen lassen.
Der Engel steht mit einem Fuß im Wasser und mit dem anderen an Land. Er ist im Gleichgewicht zwischen innerer Wahrnehmung und den Aktivitäten der äußeren Welt. Er ist gut geerdet in einer gesunden und verantwortungsvollen physischen Existenz. Ebenso hat er Zugang zu der universellen Welt, mit der wir innerlich verbunden sind. Wasser und Land sind Zeugen seiner Mission.
Der Pfad in Schlüssel 14 führt vom Teich zu den beiden Berggipfeln, die von der höchsten Krone überragt werden. Die Menschheit hat sowohl einen göttlichen Ursprung als auch ein göttliches Ziel. Die göttliche Fähigkeit der Liebe, der Liebe zu Gott, der Liebe zu unseren Mitmenschen, leitet uns auf dem Weg, auf dem wir nach Erkenntnis und Vervollkommnung streben. Wir alle sind Strahlen der einen Sonne.
Schluss
Der Weg zum Herzen ist immer auch ein Pfad der Liebe. Die Liebe verwandelt alles und gibt dem scheinbar Unbedeutenden Glanz und Duft. In einem persischen Lied heißt es:
„Der Geliebte gab mir etwas Staub aus seinem Hof. Warum verströmst du diesen Wohlgeruch, oh Staub?
Ich bin nur Staub, auf den die Leute treten.
Aber ich durfte teilhaben am Duft im Hof eines Heiligen. Nicht ich bin es – denn ganz gewöhnlicher Staub bin ich nur.“
Das Höhere Selbst erscheint uns manchmal fern, und doch sind wir tief mit ihm verbunden. In der Liebe sind wir bereit, die Unzulänglichkeiten der Persönlichkeit gehen zu lassen, sie gleichsam dem Höheren Selbst zu opfern nach dem Wort: Wenn das Kleinere mit dem Größeren verschmilzt, wird das Ich gehen. In einem anderen Lied heißt es:
„So zart und fein ist der göttliche Faden.
Man sieht ihn nicht leicht, man erfährt ihn nicht leicht. Er ist nicht für jeden geschaffen.
Er ist nur für jene, die opfern können.“
So mögen wir fähig sein, das Opfer zu bringen, das in Wahrheit kein Opfer ist: Loszulassen, was uns klein macht und uns verdunkelt, und uns durchscheinend machen für das Licht, das uns ruft. Der Engel wartet geduldig auf unsere Bereitschaft, uns von ihm zur Sonne führen zu lassen.